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June 20, 2021

Haftungsvoraussetzungen Fußballspiel

Sportverletzungen im Fußball, gerade auf dem Platz, sind immer wieder Streitpunkte - außgerichtlich wie auch gerichtlich. In der vorzustellenden Entscheidung befasst sich das OLG Schleswig mit der Frage, inwieweit einem Spieler grobe Fahrlässigkeit oder sogar bedingter Vorsatz vorzuwerfen ist, wenn er seinen Mitspieler im Zweikampf hart attackiert und u.U. schwer verletzt.

OLG Schleswig - Urteil vom 19.11.2020 - 7 U 214/19

Sachverhalt:

Der Kläger begehrt materiellen und immateriellen Schadensersatz sowie umfassende Feststellung aufgrund einer bei einem Fußballspiel erlittenen Verletzung.

Im Mai 2017 fand ein Kreisklassenpunktspiel statt, wobei der Kläger Stürmer bei der einen, der Beklagte Verteidiger bei der anderen Mannschaft war. In der achten Spielminute dieses letzten, für den Saisonausgang unerheblichen Punktspiels nahm der Kläger – mit dem Rücken zum gegnerischen Tor – in Höhe des Mittelkreises einen aus der gegnerischen Spielhälfte kommenden Ball an und wollte diesen weiterspielen. Dazu kam es allerdings nicht, weil er vom Beklagten gefoult wurde. Der Kläger erlitt infolge des Foulspiels eine zweitgradig offene Unterschenkelschaftfraktur distal rechts. Der Beklagte wurde durch den Schiedsrichter der Partie mit einer roten Karte des Feldes verwiesen.

Der Kläger befand sich mehrmals über längere Zeit in stationärer Behandlung. Er war bis Ende des Jahres 2017 auf die Verwendung von Unterarmgehstützen angewiesen; die Anschlussheilbehandlung (Reha, Massagen, Muskeltraining etc.) dauerte bis Juni 2018. Insgesamt war der Kläger 14 Monate krankgeschrieben. Joggen ist immer noch nicht möglich.

Der Kläger  behauptete, der Beklagte sei ihm mit gestreckten Beinen („offene Sohle“) und ohne jede Möglichkeit, an den Ball zu kommen, seitlich bzw. von hinten mit erheblicher Wucht gegen sein Standbein gesprungen. Nur so ließe sich die massive Fraktur erklären (Sachverständigengutachten). Die Verletzung habe der Beklagte jedenfalls grob fahrlässig, wenn nicht sogar bedingt vorsätzlich, verursacht. Der Beklagte hat bestritten, dass der Kläger den Ball bereits am Fuß gehabt habe, vielmehr sei der Ball frei gewesen. Im Kampf sei es zu einem unglücklichen Zusammenprall gekommen. Er habe weder die Grenzen des Erlaubten überschritten, noch liege seinerseits grobes Foulspiel vor.

Das LG hat die Klage abgewiesen. Die Berufung des Klägers hatte Erfolg.

Aus den Gründen:

Der Kläger hat einen Anspruch gem. §§ 823 Abs. 1, 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 223 Abs. 1 StGB, §§ 249 Abs. 2, 253 BGB.

Im Hinblick auf die Haftung hinsichtlich der in einem kampfbetonten Fußballspiel verursachten Verletzungen gelten besondere Grundsätze, wobei es allgemeine Auffassung in Literatur und Rechtsprechung ist, dass die Haftung für Verletzungen bei spielerischen Wettkämpfen mit erhöhtem Gefährdungspotential, wie etwa einem Fußballspiel, hinsichtlich des Maßstabes reduziert ist. Bei Wettkämpfen mit erhöhtem Gefährdungspotential ist nämlich davon auszugehen, dass jeder Teilnehmer die Verletzungen, selbst mit schweren Folgen, in Kauf nimmt, die auch bei Ausübungen nach den anerkannten Regeln der jeweiligen Sportart nicht zu vermeiden sind. Eine Inanspruchnahme des Schädigers wäre in solch einem Fall ein widersprüchliches Verhalten („treuwidriger Selbstwiderspruch“ – venire contra factum proprium), weil der Geschädigte in gleicher Weise in die Lage des Schädigers hätte kommen können und sich entsprechend gegen eine Haftung gewehrt hätte.

Hinsichtlich der Voraussetzungen für eine deliktische Haftung bei einem Verbandsfußballspiel folgt der Senat den grundlegenden Ausführungen des OLG Hamm in einem anderen Verfahren (7.2.2017 – 9 U 197/15). Hier heißt es u.a.: „... Fußball ist ein Kampfspiel, d.h. ein gegeneinander ausgetragenes Kontaktspiel, bei dem es also zu körperlichen Berührungen kommt, das unter Einsatz von Kampf und Geschicklichkeit geführt wird und das wegen des dieser Sportart eigenen kämpferischen Elements bei dem gemeinsamen Kampf um den Ball nicht selten zu unvermeidbaren Verletzungen führt. Mit deren Eintritt rechnet jeder Spieler und geht davon aus, dass auch der andere diese Gefahr in Kauf nimmt, da er etwaige Haftungsansprüche nicht erheben will. Diese von den Spielern unter gleichen Bedingungen und gemeinsam in Kauf genommene Gefahr führt zu dem Schluss, dass bei Verletzungen, die trotz Einhaltung der Spielregeln eingetreten sind, der Spieler von seiner etwaigen Haftung voll frei gestellt sein soll (vgl. BGH v. 5.11.1974 – VI ZR 100/73, VersR 1975, 137).”

In der Konsequenz dessen bieten die Fußballregeln des Deutschen Fußballbundes das entscheidende Erkenntnismittel für das Ausmaß des mit dem Spiel eingegangenen und übernommenen Risikos. Insbesondere bieten die Generalklauseln des Spielens in gefährlicher Weise, des unsportlichen Betragens und des rohen Spiels mit den einzeln aufgeführten, dem Schutz der Spieler dienenden Verboten einen wichtigen Maßstab dafür, was als spielordnungsgemäßes Verhalten anzusehen ist und wo nach dem Willen der Spieler die Grenze des Erlaubten überschritten wird. Ein Schadensersatzanspruch des bei einem Fußballwettkampf durch regelwidrige Spielweise eines Mitspielers verletzten Teilnehmers setzt den Nachweis voraus, dass der Mitspieler sich nicht regelgerecht verhalten hat (vgl. BGH v. 5.11.1974 – VI ZR 125/73, VersR 1975, 155). Der Verletzte muss ebenso ein Verschulden des Verletzers nachweisen. Handelt es sich um ein regelwidriges Verhalten des Verletzers, das im Grenzbereich zwischen Härte und Unfairness liegt, handelt es sich objektiv um einen geringfügigen Regelverstoß (vgl. BGH v. 10.2.1976 – VI ZR 32/74, VersR 1976, 591).

Dies ist bei der Frage des Verschuldens genauso zu berücksichtigen wie der Grundsatz, dass eine Vermeidbarkeit bei Beachtung der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt nur mit aller Zurückhaltung bejaht werden kann. Denn die Hektik und Eigenart eines Fußballspiels zwingt den Spieler oft im Bruchteil einer Sekunde Chancen abzuwägen und Risiken einzugehen. Es stellt hohe Anforderungen an die physische und psychische Kraft, an Schnelligkeit, Geschicklichkeit und körperlichen Einsatz. Auch reicht eine einfache Fahrlässigkeit des Verletzers grundsätzlich nicht aus, selbst wenn ein objektiver Regelverstoß und damit eine Rechtswidrigkeit gegeben ist. Für einfache Fahrlässigkeit ist in der Regel von einem stillschweigenden Haftungsausschluss auszugehen, sodass es – jeweils vom Verletzten zu beweisenden – Vorsatzes oder grober Fahrlässigkeit bedarf, um eine Haftung herbeizuführen”.

Nach diesen Grundsätzen hat der Kläger sowohl einen erheblichen Regelverstoß als auch ein entsprechendes Verschulden des Beklagten (bedingter Vorsatz) bewiesen:

Ob in dem zu entscheidenden Einzelfall ein Pflichtverstoß vorlag, sei auch nach den für die Saison 2016/2017 geltenden Fußballregeln des Deutschen Fußballbundes (DFB) zu bemessen. Nach Regel 12 des DFB liegt „brutales Spiel“ vor, wenn ein Spieler übertrieben hart vorgeht und die Sicherheit eines Gegners gefährdet. Ein solcher Spieler muss des Feldes verwiesen werden (Regel 12 Nr. 1). Nach Regel 12 Nr. 3 des DFB handelt es sich bei einem groben Foulspiel um ein Feldverweis-würdiges Vergehen; ein grobes Foulspiel ist wie folgt definiert: „Tacklings oder Angriffe, die eine Gefahr für den Gegner darstellen oder übermäßig hart oder brutal ausgeführt werden, sind als grobes Foul zu ahnden. Ein solcher Pflichtverstoß lag nach Ansicht des Gerichts hier vor.

Nach Zeugenaussage des Schiedsrichters sei der Beklagte von vorne gekommen und habe dann mit beiden gestreckten Beinen und offener Sohle eine Grätsche ausgeführt. Das sei übertrieben hart gewesen. In seinen 28 Jahren als Schiedsrichter habe er solches noch nicht erlebt. Diese Grätsche sei schon „sehr ungewöhnlich“ gewesen. Die Gefährlichkeit und Brutalität des Fouls des Beklagten bestätigte auch ein weiterer Zeuge, seinerzeit anwesender Trainer.

Der Senat ist darüber hinaus davon überzeugt, dass der Beklagte das grobe Foulspiel vorsätzlich begangen und die damit verbundene schwere Verletzung des Klägers billigend, also mit bedingtem Vorsatz, in Kauf genommen hat. Der Beklagte ist, ohne dass die Spielsituation auch nur den geringsten Anlass dafür bot und ohne realistische Möglichkeit, den Ball zu erobern, mit ganz erheblicher Wucht, gestrecktem Bein und offener Sohle in den Kläger bzw. dessen Standbein hineingesprungen. Dass der Beklagte rücksichtslos und mit erheblicher Wucht in das Bein des Klägers hineingesprungen sein muss, erschließt sich schon aus der Tatsache, dass er dadurch einen offenen Schienbeinbruch verursacht hat. Dazu bedarf es naturgemäß einer erheblichen Krafteinwirkung auf den Knochen.

Die Aktion des Beklagten gegen den Kläger kann auch nicht durch Spieleifer, Unüberlegtheit, technisches Unvermögen oder Müdigkeit erklärt werden. Der weitere Zeuge hatte den Eindruck, dass der Beklagte mit seiner Aktion „ein Zeichen setzen“ wollte. Die ganze Aktion sei „völlig sinnfrei“ gewesen.

Angesichts der Schwere der erlittenen Verletzungen, der Dauer der Krankenhausaufenthalte, der bis zur Genesung erforderlichen Zeit hält der Senat das vom Klägers geltend gemachte Schmerzensgeld in Höhe von 7.500 € für angemessen, aber auch ausreichend. Die mit dem offenen Bruch und seiner operativen Versorgung verbundenen Heilungsverzögerungen gehen zulasten des Beklagten. Der Kläger musste nach dem Vorfall das Fußballspielen aufgeben. Ein Dauerschaden ist nicht ausgeschlossen.

Wir von MITTELSTÄDT & Partner sind auch bei im (Sport-)Alltag erlittenen Personenschäden für Sie da - immer am Ball, unnachgiebig im Zweikampf, aber stets nach den Regeln spielend!